литературный журнал

Frank Treibmann

Das kleine Glück am Fluss

Rezension

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen. Roman. Aufbau Verlag, 2017. Übersetzt von Helmut Ettinger ISBN: 978-3-351-03670-6

Titel und erster Satz des Romans sind ein Versprechen: Suleika öffnet ihre Augen. Dieses löst Gusel Jachina, die 1977 in Kasan geborene Autorin und Filmemacherin, auf den ersten 95 Seiten ihres Romandebüts auch bravourös ein. Mit dem fotografisch genauen und zugleich fokussierten Blick einer Filmkamera folgt sie im ersten Teil des Romans dem Blick, der Wahrnehmung, den Ängsten und kleinen Freuden ihrer Heldin Suleika. Suleika, das ist die noch junge Ehefrau eines tatarischen Bauern und dienstbare Magd seiner Mutter, ihrer Schwiegermutter, ihr beider rechtmäßiges Eigentum. Aber sie ist auch Mutter vierer viel zu früh gestorbener Mädchen und geist- und gottesfürchtige Bauersfrau, die den Geistern ihrer kleinen Welt Süßes spendet, den finsteren Wald fürchtet und sich ergeben in die patriarchalische Welt des bäuerlich-tatarischen Islams fügt. Die engen Grenzen dieser kleinen Welt geben ihr Halt, und sie hat nie auch nur erwartet, ohne diesen Halt zu sein und dies weder zu müssen noch zu können. Der Leser wird in diesem wunderbaren Einsteig in den mit über 500 Seiten recht umfangreichen Roman in Suleikas Welt, dieses kleine Stückchen Tatarstan, geradezu hineingezaubert. Dieses Kunststück gelingt in dieser Form jedoch nur als Text, dass Jachina Filme macht, scheint aber die notwendige Voraussetzung für ein solches Schreiben zu sein. Der naive Blick der jungen Bauersfrau, ihr kreatürliches Leiden, ihr scheues Bangen und Hoffen werden so zu einem magischen Brennglas, in dem sich das Geschehen wie von selbst offenbart. Wir tauchen ein in eine Art magischen Realismus, der uns an die Hand nimmt und das rohe Ei seiner Erzählung ohne Rührseligkeit und auch ohne erzählerischen Ballast sicher über den Fluss bringt.

Worum geht es? Wir befinden uns am Anfang der 1930iger Jahre in der Tatarischen ASSR. Stalins „Entkulakisierung“ wütet im ganzen Land und nimmt auch in Suleikas dörflicher Welt vorweg, was sich wenige Jahre später zum Terror der großen Säuberung auswachsen wird. Suleika gerät ins Mühlrad dieser Menschenmühle, wird „entkulakisiert“, ins ferne Sibirien deportiert, soll dort „sowjetisch“ werden. Auf dem Weg begegnet sie den anderen, nicht im Titel genannten Helden des Romans: dem jungen GPU-Offizier Ignatow, Mörder ihres Mannes und Kommandeur des Transportzuges nach Sibirien, dem Medizinprofessor Leibe, den die Mißgunst seiner denunziatorischen Haushälterin auf die mit allen Mitteln zu füllende Deportationslisten der Entkulakisierung brachte, dem Kriminellen Gorelew, den man als Spitzel mit auf den Transport schickt, Petersburger Intellektuellen — Restposten, die den Entkulakisierten beigemengt werden, und noch einigen anderen toten Seelen. Sie alle, Ignatow als Kommandeur eingeschlossen, landen schließlich an der Angara in der Taiga, wo sie der rauhen Natur, dem Wald und dem Fluss, ihr Überleben und den Aufbau eines neuen Zuhauses abringen — eine Siedlung am Rande der Welt, wo Allahs strafender Blick, wie Suleika feststellen muss, nicht mehr hinreicht, wo der Mensch des Menschen Glück und Elend und auch letzte Hoffnung und Enttäuschung ist. An allen scheitert die „pädagogische Maßnahme“, sie werden nicht sowjetisch, aber sie finden zu sich selbst und zueinander und manche auch wieder zu bescheidenem Glück.

Wie bereits erwähnt, der erste Teil des Romans ist großartig. Dann fällt leider das Niveau. Denn Jachina verlässt Suleika und die genial auf sie fokussierte Perspektive und baut den Roman zum großen Panorama aus. Zwei weitere Helden geraten in den engeren Blickpunkt: der bereits erwähnten GPU-Offizier Ignatow und der Mediziner und Professor der Kasaner Universität Wolf Karlowitsch Leibe. Doch gelingt es der Autorin nur bei Leibe, jenen magischen Realismus weiterhin zum leuchten zu bringen. Ignatow dagegen bleibt schemenhaft bis zum Klischee und erinnert in Anlage und Durchführung an die positiven Helden des sozialistischen Realismus. Das gilt leider auch für alle anderen Figuren, die nur als charakteristische Typen ihre jeweiligen Szenen ausfüllen. Aber mehr noch als diese Klischees und einige unnötige handwerkliche Fehler enttäuscht die moralische Botschaft von Jachinas literarischem Debüt, trotz der zuweilen wunderschönen, schlichten Poetik dieses vor allem sehenden Erzählen. Jachina hüllt das ganze historische Grauen, von dem ihr Roman eigentlich handeln könnte, bis zur Unkenntlichkeit ein in die schöne und beruhigende Geschichte von Sieg des Guten und der Menschlichkeit – gipfelnd in der unsäglichen Liebesgeschichte zwischen Suleika, dem Opfer, und Ignatow, dem Täter. Zwar spart sie den Tod und das Töten nicht aus, beides verbleibt aber entweder im Ästhetischen wie rotes Blut im Schnee oder wird, was noch schlimmer ist, als Fressen und Gefressenwerden auf eine am Ende doch immer irgendwie gerechte und ausgleichende Natur hin transzendiert. Die dialektisch-böse Dimension der conditio humana des 20. Jahrhunderts bleibt Jachina damit verschlossen. Letztlich verkennt sie die bittere Wahrheit des möglichen Endes jeglicher Humanität.

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